Fußballer sammelten für Spritzendoktor

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Die beiden früheren Bundesliga-Stars Hansi Müller und Karlheinz Förster sammelten nach Recherchen des WDR-Magazins Sport Inside Geld für den Spritzendoktor Armin Klümper. Der mittlerweile im Exil lebende Arzt arbeitete lange an der Uni Freiburg. Zu Klümpers Zeit galt Freiburg als sportmedizinische Dopinghochburg im deutschen Spitzensport.

[von Jonathan Sachse und Daniel Drepper]

Klümper galt als Wunderheiler. Hunderte Athleten ließen sich von ihm behandeln. Auch andere Prominenz, darunter mehre Politiker, setzen auf seine medizinischen Dienste. Klümper wurde 1984 wegen Rezeptbetrugs verurteilt. 1987 starb seine Patientin, die Siebenkämpferin Birgit Dressel, an einem toxischen Schock. 78 Medikamente wurden bei Dressel gefunden, darunter von Klümper verschriebene Anabolika. Diesen Armin Klümper unterstützten auch die beiden Europameister und Vize-Weltmeister Hansi Müller und Karlheinz Förster. Weiterlesen

Wie die FIFA einst in den Bundestag wollte

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“Lieber Norbert, ein Bundestagspräsident und Fußballer mit Herz wie Du, wäre h.E. der beste Gastgeber im Deutschen Bundestag.” ––– Walter Eschweiler aus dem Auswärtigen Amt (Referat für Internationale Sportbeziehungen) an Norbert Lammert.

Wenn die FIFA entscheidet, zum deutschen Volk zu sprechen, dann lädt sie sich einfach selber ein. So geschehen diesen Sommer. Unzufrieden mit deutscher Kritik am Kontrollsystem und negativer Presse hatte die FIFA an den Bundestag schreiben lassen. Man wolle die Abgeordneten über die gesundheitlichen Aspekte des Fußballs aufklären. Das nötige Scharnier war ein deutscher Diplomat, der dem Fußball selbst eng vebunden ist. Die kleine Episode ermöglicht einen Blick hinter die Polit-Kulisse – und auf das Selbstverständnis der Beteiligten.

[von Jonathan Sachse und Daniel Drepper]

Walter Eschweiler ist im Auswärtigen Amt “zuständig für internationale Sportpolitik”, so diktiert er ins Telefon. Eschweiler ist der Kontaktmann vor Ort. Wann immer dem großen Sport in den vergangenen drei Jahrzehnten irgendwo die Bühne bereitet wurde, hat er das deutsche Eckchen mit aufgebaut. Eschweiler bereitet die Besuche von Merkel & Co vor, sorgt für die Fahrten, die Hotels, die Eintrittskarten. “Und dafür, dass jeder weiß, wo er hinsoll.” Als deutsche Politiker im Sommer die WM in Brasilien besuchten, war Eschweiler, mittlerweile fast 80 Jahre alt, schon lange dort und empfing die Reisegruppe bei ihrer Ankunft. Nur Merkel die Kabine zeigen, dass mache dann doch DFB-Präsident Niersbach selbst. Weiterlesen

Thiago mit Wachstumshormon behandelt?

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Thiago Alcântara vom FC Bayern München ist nach Aussage seines spanischen Arztes mit “GrowthFactors” behandelt worden. Wir versuchen derzeit, vom FC Bayern und vom spanischen Arzt selbst zu erfahren, um welche Behandlungsmethode es sich dabei genau handelt.

[Von Jonathan Sachse und Daniel Drepper]

Wachstumshormon steht auf der Dopingliste, immer – sowohl im Wettkampf, als auch im Training. Nur mit einer Ausnahmegenehmigung ist der Einsatz gestattet. Ob Thiago solch eine Genehmigung hat, war bislang weder von der Nationalen Anti-Doping-Agentur, noch vom FC Bayern zu erfahren. Wachstumsfaktoren sind umstritten, im Zweifel aber legal. Nach Hinweisen von Lesern haben wir unseren ersten Beitrag von gestern Abend ergänzt.

Im Folgenden unser Update.

Am Wochenende war Thiago Alcântara zum dritten Mal in Serie das Innenband im rechten Knie gerissen. Schon länger schwelt eine Diskussion über seine medizinische Behandlung. Gestern sollte Thiago in Barcelona operiert werden. Die OP wurde von Ramón Cugat durchgeführt. Ein Mannschaftsarzt des FC Bayern soll mit vor Ort gewesen sein, schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Der verantwortliche Arzt Cugat schrieb einen Tag vor der Operation, auf seinem Blog über die aktuelle Diskussion und äußerte sich auch mit mehreren 140-Zeichen-Meldungen auf Twitter.

Thiago, so schreibt Cugat auf Twitter, wird mit Wachstumsfaktoren behandelt. Die Behandlung mit Wachstumsfaktoren sei eine Methode, die er schon seit Beginn des Jahrhunderts anwende. Weiterlesen

Englische Liga verheimlicht Dopingfall

Eine Partydroge wird zum Dopingfall // CC BY 3.0 drugs by Ricardo Augusto Cherem from The Noun Project

Eine Partydroge wird zum Dopingfall // CC BY 3.0 drugs by Ricardo Augusto Cherem from The Noun Project


Der ehemalige schottische Profi Garry O’Connor soll bei einer Dopingprobe positiv auf Kokain getestet worden sein. Der positive Test wurde nie bekannt. Der englische Ligaverband FA und sein damaliger Verein Birmingham City hätten den Dopingfall im Jahr 2011 verheimlicht, sagt O’Connor.

Die schottische Boulevard-Zeitung Daily Record hat mit O’Connor über den nicht bekannten Dopingfall gesprochen.

O’Connor sagt, er sei im Jahr 2011 nach einem Spiel gegen Arsenal abends unterwegs gewesen. An diesem Abend habe er auch Kokain gezogen. Zwei Tage später wurde er bei einer Dopingkontrolle erwischt.

Daraufhin soll es Gespräche zwischen seinem Verein Birmingham und der FA gegeben haben. Diese schickten O’Connor für acht Wochen in eine Entzugsklinik nach Arizona. Gegenüber der Öffentlichkeit wurde der positive Dopingtest verschwiegen. Vor O’Connors Mitspielern wurde seine Reise als “Hüft-Operation” getarnt.

Die Kosten für die Klinik – etwa 35.000 britische Pfund – musste O’Connor damals selber tragen. Zusätzlich hätte er für den positiven Test eine Geldstrafe von 180.000 Pfund gezahlt, wird O’Connor vom Daily Record zitiert.

Vier Mal Fußballdoping in einer Woche

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Doping im Fußball meldet sich mit Macht zurück, in der vergangenen Woche sind innerhalb weniger Tage vier Fälle zum Thema bekannt geworden. Wir liefern Euch hier kurze Zusammenfassungen und Links.

1) Bei den Asienspielen ist ein tadschikischer Spieler positiv auf das Aufputschmittel Methylhexanamie getestet worden. Der Abwehrspieler Khurshed Beknazarov ist 20 Jahre alt. Beknazarov wurde von den Asienspielen ausgeschlossen.

2) Franco Sosa ist wegen des Gebrauchs von Clenbuterol für zwei Jahre gesperrt worden. Clenbuterol ist ein Kälbermastmittel, das zum Muskelaufbau verwendet wird. Sosa war Kapitän von Tacuarembó FC, einem Zweitligaklub in Uruguay.

3) Der kanadische Nationalspieler Atiba Hutchinson, aktiv für Besiktas Istanbul, ist mit Asthma-Medikamenten aufgefallen, für die seine Ausnahmegenehmigung abgelaufen war. Wer mehr Informationen in türkischen Medien findet, melde sich gern.

4) Beim brasilianischen Spitzenklub Botafogo gab es vergangene Woche Ärger, weil die saudi-arabische Anti-Doipng-Agentur Stürmer Jobson vorwarf, einen Dopingtest verweigert zu haben. Jobson war zuletzt an den saudischen Klub Al-Ittihad ausgeliehen. Botafogo und Jobson sagen offenbar, die Meldung über den verweigerten Dopingtest sei eine Racheaktion von Al-Ittihad. In Wahrheit gehe es um Geldstreitigkeiten. Allerdings hat Jobson bereits eine Doping-Vergangenheit: Im Dezember 2009 war er mit Kokain aufgefallen, was ihm nach viel juristischem HickHack eine zweijährige Sperre einbrachte.

Wer Infos zu Doping und Dopingfällen im Fußball hat, melde sich gerne jederzeit per E-Mail oder telefonisch bei uns. Für sensible Informationen steht der verschlüsselte Upload des Recherchebüros CORRECT!V zur Verfügung.

Gefällt Ihnen unsere Arbeit? Werden Sie Mitglied von CORRECT!V. Je mehr wir sind, desto stärker werden wir.

Doping im holländischen Amateurfußball

Spakenburg-Fans. / screenshot von nrc.nl

Spakenburg-Fans. / screenshot von nrc.nl

Mit Aufputschmitteln zum holländischen Amateurfußball-Titel: Spieler des SV Spakenburg haben sich vor zwei Jahren systematisch Stimulanzien eingeflößt, um sich den Titel als holländischer Amateurmeister zu sichern. Das zumindest berichtete am vergangenen Wochenende ausführlichst das NRC Handelsblad, eine der größten Qualitätszeitungen der Niederlande. Der Skandal passt zu dem, was in Gesprächen und einzelnen Texten immer wieder über den Amateurfußball berichtet wird.

Die Mehrheit der Spieler, schreibt das Blatt, hätten in der Saison 2011/12 die Substanz CrackV3 genutzt, die auch die Stimulans Methylhexanamine enthält. Das Mittel soll vor den Spielen offen in der Kabine gestanden haben. Nun soll es eine interne Untersuchung geben.

Medizinische Abteilung wusste wohl Bescheid
Die Stimulans soll von den meisten Stammspielern regelmäßig genommen worden sein, die gesamte Mannschaft inklusive der medizinischen Abteilung hätten Bescheid gewusst, dass das Team die verbotene Substanz nutzt. Weiterlesen

fussballdoping.de wird Teil von CORRECT!V

Unser Projekt fussballdoping.de wird ab sofort unter dem Dach von CORRECT!V laufen, dem ersten gemeinnützigen Recherchebüro Deutschlands.

Durch die Unterstützung von CORRECT!V wird das Projekt neuen Schwung bekommen, wir werden wieder mehr Zeit für eigene Recherchen haben. Fussballdoping.de ist langfristig angelegt, die Recherchen zum Thema können im Zweifel noch Jahre andauern. Damit passt die Plattform perfekt in die gemeinnützige Struktur von CORRECT!V. Dem Büro geht es nicht darum, Klickzahlen zu generieren und Profite zu erwirtschaften, sondern langfristig Hintergründe zu beleuchten und strukturelle Probleme aufzudecken, um die Gesellschaft zum Positiven zu verändern.

Im Frühjahr 2012, wenige Wochen vor der EM in Polen und der Ukraine, hatte ich diese Seite als Blog-Projekt des Ressort Recherche der damaligen WAZ-Gruppe gegründet, um dem Missbrauch von Dopingsubstanzen und Schmerzmitteln im Fußball langfristig auf den Grund zu gehen. Ich hatte das Gefühl, dass traditionelle Medien zu selten über Doping im Fußball berichteten. Ein Jahr später war die Webseite für den Grimme Online Award nominiert. Seit dem vergangenen Sommer unterstützt mich der befreundete Kollege Jonathan Sachse.

Dank an alle Leser, Nutzer, Freunde

Wir haben in den vergangenen Monaten und Jahren viel Spaß an der Recherche zum Thema gehabt. Und wir haben uns sehr gefreut, wie viele Rückmeldungen und wie viel Hilfe wir von zuvor wildfremden Menschen bekommen haben. Das hat uns darin bestärkt, dass dieses Projekt wichtig ist und dass wir das gemeinsam mit der Gemeinschaft unserer Leser, Nutzer und Mit-Rechercheure fortsetzen wollen. CORRECT!V ist dafür der richtige Rahmen. Jonathan und ich arbeiten seit Anfang Juli als Reporter in Vollzeit für CORRECT!V. Nun gehört auch fussballdoping.de offiziell dazu. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung hatte das Blog vor einiger Zeit freigegeben. Nun kann fussballdoping.de von CORRECT!V weiter betrieben werden.

CORRECT!V ist das erste gemeinnützige Rechechebüro Deutschlands. Das Büro finanziert sich aus großen und kleinen Spenden sowie Mitgliedsbeiträgen. CORRECT!V macht keinen Profit, sondern investiert jeden Euro direkt in investigativen Journalismus. Wer Mitglied wird, bekommt unter anderem Einblick in unsere Recherchen, Einladungen zu Veranstaltungen oder eBooks (hier gibt es eine Liste mit allen Vorteilen). Zudem sind alle Spenden an das Projekt von der Steuer absetzbar.

Unterstützen? Als Mitglied von CORRECT!V

Wir bei fussballdoping.de freuen uns über jedes neue Mitglied von CORRECT!V. Je mehr Mitglieder wir sind, desto stärker werden wir. In den vergangenen Jahren haben wir fussballdoping.de in unserer Freizeit und ohne Bezahlung betreut. Wer uns von nun an unterstützen möchte, kann dies endlich tun – mit einer Mitgliedschaft bei CORRECT!V.

Dopingkontrollen bei der WM: Die PR-Nummer

Alle Spieler werden vor der WM mindestens ein Mal getestet, hatte die FIFA angekündigt. Das ist nicht passiert. 62 Spieler wurden vor der WM nicht getestet, von diesen Spielern nahm die FIFA nach eigenen Angaben während des Turniers Nachtests. Dazu reisten die Dopingkontrollen deutlich länger, als kalkuliert. Ein positiver Test hätte gravierende Konsequenzen gehabt. Es lohnt sich genau hinzuschauen, um die Schwachstellen zu entdecken.

[Von Jonathan Sachse und Daniel Drepper]

Dopingkontrolleur und Fan – bei der WM 2006 // CC BY-SA by fotofreund via flickr.com



Die FIFA verkaufte ihre Arbeit als Erfolg: 91,5 Prozent der angestrebten Proben seien genommen worden. Doch Fakt ist: 62 Spieler wurden vor dem Turnier nicht getestet. Wir hatten vor der WM dazu aufgerufen, gemeinsam die FIFA-Kontrollen zu verfolgen. Ein Blick auf die gemeinsam erstellte Tabelle zeigt, dass es in vielen Ländern Spieler gab, die bei der ersten großen Kontrolle nicht anzutreffen waren.

Aus “personlichen Gründen” nicht zur Dopingkontrolle

Ein Fall verdeutlicht, wie einfach das Kontrollsystem der FIFA zu umgehen war: Bei Deutschlands-Finalgegner Argentinien war bei der Dopingkontrolle am 27. Mai zum Beispiel Ezequiel Lavezzi nicht vor Ort. Lavezzi soll kurz bevor die FIFA-Kontrolleure auftauchten das argentinische Trainingscamp verlassen haben, aus “persönlichen Gründen”. Argentiniens Fußball-Präsident sagte im Anschluss, er habe die Entschuldigung für Lavezzi persönilch unterzeichnet, sein Spieler habe ein persönliches Problem zu klären gehabt. Das alles habe nichts mit Doping zu tun.

Da die meisten FIFA-Kontrollen vor Turnierbeginn noch im Mai durchgeführt wurden, verpassten zum Beispiel auch zahlreiche Spieler von Real Madrid und Atletico Madrid die Trainingskontrollen. Die FIFA nannte auf unsere Anfrage hin Mitte Juni keine Namen, antwortete aber: “In accordance with FIFA anti-doping regulations, the remaining players can and will be tested at any time during the competition”.

Keine überraschende Kontrolle für 62 Spieler

Wenige Tage später gab die FIFA auf einer Pressekonferenz am 7. Juli bekannt, dass die 62 fehlenden Spieler mittlerweile nachgetestet worden seien. Ob dies wirklich geschah und welche Spieler alles betroffen gewesen sind, können wir nicht sagen. Sicher ist, dass fünf Spieler von Costa Rica im Vorfeld der WM nicht getestet wurden. Die FIFA holte diese Tests nach dem Vorrundenspiel gegen Italien nach und bat neben zwei regulär ausgelosten Spielern fünf weitere Teammitglieder zu einer gezielten Kontrolle. Diese Tests hat die FIFA als Trainings-Kontrolle kommuniziert, sie waren faktisch aber eine berechenbare Wettkampf-Kontrolle. Damit wurden offenbar zumindest einige der 62 Spieler, die sich der einzigen Trainingskontrolle vor der WM entzogen haben, im Anschluss von der FIFA nicht mehr im Training überrascht. Für sie war es ein Kontrollsystem ohne Überraschungseffekt, es gab für sie keine unangekündigten Kontrollen abseits der Spiele.

Wir haben alle 23 Nationalmannschaften konfrontiert, bei denen laut unserer Auswertung eine Möglichkeit besteht, dass Spieler vor Turnierbeginn nicht von der FIFA kontrolliert wurden. Wir wollten wissen, ob das der Fall war und falls ja, welche Spieler das betraf und ob diese Spieler während der WM nachgetestet wurden. Mit Australien meldete sich nur eine einzige Nation zurück: “All members of our 30 man provisional squad were tested before we departed Australia and we have had regular testing after every match. Outside that it’s not appropriate to discuss individuals.“

Dopingtransport noch länger als erwartet

Die untersuchten Urin- und Blutproben der 674 WM-Spieler, die vor Turnierstart getestet wurden, waren übrigens alle negativ. Ebenso waren Proben bis zum Halbfinale negativ, die während der WM aus den Spielstätten unter Zeitdruck nach Lausanne transportiert wurden. Ein Glücksfall für die FIFA: Hätte es eine positive Probe gegeben, wäre die rechtzeitige Auswertung bis zum nächsten Spiel extrem schwierig gewesen. Wir hatten die Transportwege und -zeiten vor der WM detailliert aufgeschlüsselt.

Zum Transport der Proben äußerten sich die beiden FIFA-Mediziner Jiri Dvorak und Michel D’Hooghe am 7. Juli mit interessanten Details: Im Schnitt seien die Proben 37 Stunden lang unterwegs gewesen. Das ist sogar noch deutlich länger, als von uns kalkuliert. Schon bei unserer Rechnung mit einer Transportzeiten von etwa 24 Stunden wäre es kaum möglich gewesen, nach einer positiven Probe vor dem nächsten Anpfiff ein finales Ergebnis vorliegen zu haben.

Die FIFA hat erneut eine WM ohne Dopingfall abgeschlossen – vorausgesetzt das Finale birgt nicht noch eine Überraschung. Seit 1994 hat es keinen Dopingfall mehr bei einer WM gegeben. Immer mehr Menschen halten diese weiße Weste für zu rein. Darunter auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière. “Es fällt auf, dass es keine positiven Dopingfälle gibt – trotz der Hitze, trotz des begeisternden Fußballs. Schon die Wahrscheinlichkeit und die Analogie zu großen Sportereignissen spricht dagegen.”

FIFA-Dopingproben: Helft uns bei der Recherche

© fussballdoping.de



Die FIFA möchte in diesem Jahr jeden WM-Spieler vor Beginn des Turniers testen. Die gesammelten Urin- und Blutwerte sollen in den biologischen Pässen des Weltverbandes gespeichert werden. Uns interessiert, ob diese Ankündigung eingehalten wird und wie diese Kontrollen genau ablaufen. Dabei könnt Ihr uns helfen.

Hier findet Ihr ein offenes Google-Dokument, indem wir alle FIFA-Kontrollen sammeln, die gegenwärtig in den weltweit verteilten Trainingslagern der Nationalmannschaften durchgeführt werden. Seit dem 1. März und bis spätestens zum 11. Juni müsste hier jede Nation drin stehen, wenn die FIFA sich an den eigenen Zeitplan hält und wir mit Eurer Hilfe alle Proben erfassen können.

Diese Übersicht soll helfen verschiedene Dinge zu verstehen. Zum Beispiel: Wann werden die Proben genommen? Alle in einem ähnlichen Zeitraum und wie weit vom Turnier entfernt? Werden die Nationalspieler nachträglich kontrolliert, wenn sie beim ersten großen Text nicht vor Ort gewesen sind?

Wie Ihr helfen könnt:
(1) Teilt diese Nachricht bzw. den Link zum Dokument mit euren (gerne internationalen) Netzwerken.
(2) Kommentiert hier, schreibt uns auf Facebook & Twitter oder ergänzt direkt im Dokument eure Ergebnisse.

Vielen Dank vorab an alle Helfer und an alle Personen, die uns seit gestern bereits unterstützt haben!

Wer die schwierigen Rahmenbedingungen rund um die Dopingkontrollen bei der Weltmeisterschaft noch nicht kennt, dem empfehlen wir unsere erste Doping-WM-Vorschau.

Die lange Reise der WM-Dopingproben

Dopingkontrollformular der FIFA // Screenshot auf fifa.com



Die Dopingkontrollen bei Fußball-Weltmeisterschaft sind extrem uneffektiv. Bei den letzten vier Weltmeisterschaften wurde kein einziger Spieler positiv getestet. In Brasilien könnte sich das System noch verschlechtern, sollten die Dopingproben nicht rechtzeitig analysiert werden.

Jeden Abend wird aus Sao Paulo ein Flieger nach Lausanne starten. Die wichtigste Ware an Board: Gekühlte Dopingproben. Mal fliegen die Proben von portugiesischen und deutschen Nationalspielern zusammen. An einem anderen Tag wird Blut und Urin von spanischen und niederländischen Kickern in die Schweiz transportiert. Es sind über 20 lange Reisen, die eine von der FIFA beauftragte Transportfirma durchführen wird.

Die Vorgeschichte: Das brasilianische Labor in Rio de Janeiro hat im letzten Jahr seine WADA-Akkreditierung verloren, nachdem Proben fälschlicherweise positiv analysiert wurden. Die FIFA suchte nach einer Alternative und entschied sich für das weit entfernte, aber wohlvertraute, Labor in Lausanne. Der Fußballweltverband entschied sich gegen nähere WADA-Labore in den USA, Kanada oder anderen südamerikanischen Ländern. Mittlerweile gibt die FIFA zu, dass durch die langen Reisewege ernsthafte logistische Probleme entstehen könnten.

Das Thema hat HR INFO letzte Woche durch eine Presseanfrage bei der FIFA neu aufgegriffen. Darin wiederholte die Fifa ein Problem, welches bereits im April vom Fußballweltverband benannt wurde, als der FIFA-Chefmediziner Michel D’Hooghe in einem Interview mit der Agentur AP zugab: Er sei sich „nicht ganz sicher“, ob die Analyse-Ergebnisse immer rechtzeitig zum nächsten Spiel einer Mannschaft feststehen werden.

Wir haben ebenfalls bei der FIFA nachgefragt. Unter anderem wollten wir wissen, um welche Zeit der fast tägliche „Dopingkontroll-Flieger“ starten soll und wie lange jeder Transport den FIFA-Berechnungen zufolge dauern wird. Diese Details möchte die FIFA nicht bekanntgeben, teilt uns ein Sprecher des Weltverbandes mit. Stattdessen wiederholt er das allgemeingültige Kontrollziel: „Das Labor in Lausanne ist darauf eingestellt 24 Stunden pro Tag zu arbeiten mit dem Ziel, dass die Resultate vor dem nächsten Spiel der entsprechenden Teams bereitstehen.“

Schauen wir uns die Transportroute und die Analyse-Zeit der Proben im Detail an.

Nach dem Spiel werden jeweils zwei Spieler aus jedem Team kontrolliert. Die Abendspiele werden in der Regel zwischen 17-18 Uhr Ortszeit abgepfiffen. Anschließend brauchen die Spieler oftmals eine Weile, bis sie pinkeln können. Parallel wird den Spieler Blut abgenommen. Wenn die FIFA eine zeitliche Reserve aufschlägt, müsste sie mindestens drei bis vier Stunden einplanen, bis die Probe zum Transport verpackt wurde. Die Abfahrt vom Stadion könnte dann erst am späten Abend beginnen.

Der Blick auf die Landkarte zeigt wie sehr die Stadien im Land verteilt sind. Die Proben werden immer von Sao Paulo aus nach Europa geflogen.



Bei den Distanzen und der Infrastruktur in Brasilien darf davon ausgegangen werden, dass die Proben aus den Stadien nach Sao Paulo geflogen werden müssen. Die ungefähre Flugzeit kann in der folgenden Tabelle eingesehen werden.



In Sao Paulo werden die gekühlten Proben in den Flieger nach Lausanne umgeladen. Wenn der Zeitplan optimal verläuft, könnte der Flieger in den frühen Morgenstunden abheben und Kurs auf die Schweiz nehmen. Nach einem knapp 14 stündigen Flug erreicht er dort den Flughafen. Die Proben werden mit dem Auto ins Labor gefahren. In Summe verliert die FIFA bei dieser eng getakteten Rechnung einen ganzen Tag durch den Transport.



In der Podiumsdiskussion am 21. Mai sprach Andrea Gotzmann, Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA), von 24 Stunden, die bei einem 24/7 Labor benötigt werden, um eine negative Probe festzustellen. Sollten bei der Analyse allerdings fragwürdige Werte auftauchen, verlängere sich die weitere Kontrollreihenfolge und somit die Länge erheblich. Dann müsse die Analytik detaillierter wiederholt werden. In den Anti-Doping Regularien der FIFA (61.1) steht zudem geschrieben: Wird eine positive Probe bestätigt, hat der Spieler noch einmal 12 Stunden Zeit, um die Öffnung der B-Probe zu beantragen. Dabei muss sicher gestellt sein, dass ein Vertreter des nationalen Verbandes oder des Vereins anwesend ist. Anwesend bedeutet in diesem Fall: In Lausanne.

Fazit: Durchschnittlich müssen die Nationalmannschaften alle vier Tage ran. Sollte zwischendurch ein Spieler auffällige Werte aufweisen, die zu einer positiven A-Probe führen könnten, ist es extrem unwahrscheinlich, dass diese vor dem nächsten Spiel öffentlich werden. Dazu kommt: Je länger und komplizierter der Transportweg, desto größer die Gefahr, dass die Proben falsch gelagert und damit unbrauchbar werden.

Soweit die Theorie. In der Praxis ist es unwahrscheinlich, dass überhaupt ein Spieler in Brasilien positiv getestet wird. Erst dreimal wurden während eines WM-Turniers Spieler positiv getestet. Ernst Jean-Joseph (1974) und Willie Johnston (1978) flogen zu einer Zeit auf, als Dopingkontrollen noch unregelmäßig durchgeführt wurden. Erst seit 1994 sollen – so schreibt es die FIFA in diesem Dokument (S.10 im .pdf) – strukturiert Proben genommen und ausgewertet worden sein. Beim Turnier in den USA flog Diego Maradona mit Ephedrin im Urin aus dem Turnier.

Danach? Nichts mehr. Bei den letzten vier Weltmeisterschaften war von über 4.000 WM-Dopingkontrollen keine einzige Probe mehr positiv. Dopte in den letzten zwei Jahrzehnten wirklich kein einziger Spieler beim wichtigsten Fußballturnier der Welt? Oder sind die Kontrollabläufe einfach nicht effektiv?

Die FIFA lobt gerade die Verbesserung in der eigenen Anti-Doping Arbeit und hebt dabei den biologischen Pass hervor. Zum ersten Mal fließen von Teilnehmern einer Weltmeisterschaft jeweils ein Urin- und Blutwert ins biologische Profil ein. Seit dem 1. März 2014 sollen deswegen bereits Spieler beim Training getestet worden sein. Beim DFB kam die FIFA am 26. Mai vorbei. Die Nationalkicker müssen nun keine weitere FIFA-Kontrolle vor dem Turnierstart mehr befürchten, können aber im Training noch von der NADA besucht werden. Die Werte aus den NADA-Proben fließen aber nicht ins biologische Profil ein.


Der Pass ist ein positive Entwicklung, die aber im gegenwärtigen Zustand noch kaum Aussagekraft hat (siehe alter Blogeintrag). Im Zusammenhang mit den logistischen Schwierigkeiten bei der kommenden Weltmeisterschaft, wäre es eine Überraschung, wenn in diesem Jahr ein WM-Spieler positiv getestet werden sollte.

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